Freitag, 29. Juli 2011

Spieglein Spieglein an der Wand

Aber dann spüre ich seine kühlen Hände auf meinen heißen Wangen, und als ich unwillkürlich den Kopf hebe, bin ich gezwungen mir aufgrund des großen Spiegels vor uns direkt ins Gesicht zu sehen. Es kann einem aus der Fassung bringen, wenn man in einer Situation, in der man um keinen Preis mit etwas Bestimmtem konfrontiert werden möchte, gezwungen ist, sich selbst anzuschauen. Etwas Rohes, Reales kommt da zum Vorschein, etwas, vor dem man nicht weglaufen kann. man kann sich selbst belügen, so viel man will, aber wenn man sich ins Gesicht schaut, dann erkennt man die Wahrheit. Mit mir ist etwas nicht okay. Das leugne ich nicht, es starrt mir ins Gesicht. Meine Wangen sind eingefallen, meine Augen haben dunkle Ringe und sind rot gerändert von den Tränen der letzten Nacht, wie mit einem seltsamen Lidstrich. Aber ansonsten sehe ich aus wie immer. Trotz der riesigen Veränderung in meinem Leben sehe ich aus wie immer. Müde, aber wie ich. Keine Ahnung, was ich erwartet habe. Wahrscheinlich eine vollkommen veränderte junge Dame, der die Leute auf den ersten Blick ansehen, dass mir das Liebste im Leben genommen wurde. Doch der Spiegel sagt mir Folgendes: Von außen sieht man nichts Besonderes. Von außen kann man niemals alles sehen.
Ich erkläre ihm, dass ich kaum in den Spiegel geschaut habe, seit dem ich erfahren habe, dass er in Kürze verschwindet, doch er bringt nur angemessen besorgte Laute hervor. Ich höre die Worte "schön" und "hübsch", gebe ihm aber zu verstehen, dass er lieber schweigen soll. Es ist wichtig für mich, dass er zuhört und nicht versucht, gleich wieder alles zu regeln. Er soll verstehen, dass es mir nicht um mein Äußeres, nicht ums Hübschsein geht, sondern darum, so zu erscheinen, wie ich bin. Ich möchte ihm erklären, wie ich mich fühle, wenn ich mich zwinge in den Spiegel zu sehen und meinen Körper anzugucken, der mir jetzt vorkommt wie ein leeres Gefäß.

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