Samstag, 23. Juli 2011

Schlaflos

Schließ die Augen und schau in die Dunkelheit.
Das war immer der Rat meines Vaters, wenn ich als kleines Mädchen nicht schlafen konnte. Jetzt würde er das nicht von mir wollen, aber ich tue es trotzdem. Ich starre in die unermessliche Dunkelheit, die sich endlos hinter meinen geschlossenen Augenlidern erstreckt. Obwohl ich nach wie vor auf dem Boden liege, habe ich das Gefühl, dass ich auf dem allerhöchsten Punkt bin, den ich erreichen kann, mich an eine Treppe im Nachthimmel klammere und meine Beine über dem kalten, schwarzen Nichts baumeln lasse. Ein letztes Mal blicke ich hinunter auf meine Finger, die das Licht umschließen, dann lasse ich los. Erst falle ich, dann treibe ich, dann falle ich wieder, und ich warte auf das Land meines Lebens.
Genau wie schon als kleines Mädchen, das gegen den Schlaf kämpfte, weiß ich auch heute, dass hinter dem dünnen Vorhang der geschlossenen Lider die Farben wohnen. Sie locken mich, fordern mich heraus, die Augen zu öffnen und den Schlaf abzuschütteln. Rote und bernsteinfarbene, gelbe und weiße Blitze durchflammen meine Dunkelheit. Ich weigere mich, die Augen aufzumachen. Auf reinem Trotz kneife ich die Lider noch fester zusammen, um die Lichtfunken abzuwehren - bloße Ablenkungen, die mich wachhalten, aber Zeichen dafür, dass es jenseits davon Leben gibt.
Aber in mir ist kein Leben. Keins, das ich hier im Bett liegend, fühlen kann. Nun schlägt mein Herz schneller, der letzte Einzelkämpfer, der im Ring zurückgeblieben ist, ein roter Boxhandschuh, der immer weiterpumpt und nicht aufgeben will. Das ist der einzige Teil von mir, dem es nicht egal ist, der Einzige, dem es nie egal war.


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